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AFP PHOTO / PHILIPPE HUGUEN

Calais: Unbegleitete Minderjährige sind zurück

Nur vier Monate nach dem äußerst medienwirksamen Abriss des sogenannten „Dschungels von Calais“, werden die Befürchtungen der Verbände wahr: Erneut versuchen viele unbegleitete Minderjährige in Calais jede Nacht, auf LKW’s nach England zu gelangen: „Derzeit haben wir in Calais ungefähr 150 minderjährige Migranten erfasst. Und es werden immer mehr.“, sagt Gaël Manzi, Koordinator des Verbandes „Utopia 56“, der am 7. Januar seine Arbeit wieder aufgenommen hat.

Die Lage, so beklagt er, sei kritisch: „Die Minderjährigen halten sich auf der Straße auf, nachts schlafen sie nicht und versuchen, nach England zu gelangen.“, so Gaël Manzi. „In den Aufnahmezentren halten sie sich nur tagsüber auf – und erst am Wochenende, wenn keine LKW’s mehr fahren, begeben sie sich ins Haus des jungen Flüchtlings“ in Saint-Omer.“

Zusammen mit den erwachsenen Migranten zählen die Verbände in der Stadt insgesamt zwischen zwei- und vierhundert Flüchtlinge. „Die Minderjährigen kennen wir, weil die Polizei sie zwar kontrolliert, aber nicht verhaftet. Erwachsene hingegen sind fast nicht zu sehen. Sie halten sich versteckt, weil sie systematisch verhaftet werden“, erklärt der Vorsitzende der Migranten-Herberge François Guennoc.

 

Gebrochene Versprechen

Nach dem Abriss des Dschungels Ende Oktober 2016 wurden 1.952 Minderjährige in Aufnahme- und Orientierungszentren  für unbegleitete Minderjährige (CAOMI) gebracht. Doch der Traum von England trieb die Minderjährigen erneut in Richtung Calais – und das noch vor Schließung der Aufnahmeeinrichtungen. „Zwischen 20 und 25 Prozent aller Minderjährigen aus den Aufnahmezentren sind wieder unterwegs.“, stellt Pierre Henry fest, der Geschäftsführer von „France Terre d’Asile“ – einer der Hilfsorganisationen, die in staatlichem Auftrag die Aufnahmezentren für Flüchtlinge verwaltet. Diese provisorischen Unterkünfte sollten eigentlich mit Beurteilung der Anträge aller ausländischen Minderjährigen Ende Januar geschlossen werden, jedoch wurde der Stichtag auf den 31. März verschoben.

Auch die für die erwachsenen Flüchtlinge im Herbst gegebenen Zusagen sind bei weitem noch nicht umgesetzt. Bernard Cazeneuve hatte den Verbänden mündlich zugesichert, „Dublin-Flüchtlinge“ – also Migranten, die schon Asyl beantragt hatten, nicht in das Land ihres ersten Asylantrags zurück zu schicken. Die Dublin-Regelung kennt zwar eigentlich keine Ausnahmen, die französische Regierung hatte jedoch zugesagt, die Regelung für diejenigen, die sich freiwillig in die Aufnahmezentren begeben, auszusetzen. Frankreich sollte also die Asylanträge dieser Flüchtlinge untersuchen. Vor Ort, jedoch, beobachten die Verbände je nach Präfektur unterschiedliche Vorgehensweisen.

Migrants walk along a road leading to Calais, northern France, on February 9, 2017. / AFP PHOTO / PHILIPPE HUGUEN
AFP PHOTO / PHILIPPE HUGUEN

„Die Vorgehensweise sowohl in den normalen Aufnahmezentren als auch in denen für unbegleitete Minderjährige ist nicht einheitlich. Beispielsweise haben wir  erfahren, dass einige Flüchtlinge in überwachten Hotels untergebracht wurden, trotz der Zusage Bernard Cazeneuves, es würde bezüglich der Migranten keine Zwangsmaßnahmen geben“, lautet der Vorwurf Didier Degrémonts, dem Präsidenten der katholischen Hilfsorganisation „Secours Catholique“ im Departement Pas-de-Calais.

 

Erneutes Tauziehen zwischen Städten und Verbänden

In Calais machten Bewohner und Verbände angesichts dieser neuen Krisensituation wieder mobil. „Einige Bewohner von Calais nehmen bei sich zuhause Kinder auf.“, berichtet François Guennoc. „In der Migranten-Herberge versorgen sie sich mit Nahrung und Kleidung.“ Doch nach Angaben der Akteure vor Ort ist mit diesem Engagement die mangelnde Betreuung von Seiten der Behörden nicht auszugleichen.

„Seit dem Abriss Ende Oktober gibt es eine sehr starke Polizeipräsenz: Man macht Jagd auf Migranten.“, beklagt Didier Degrémont. „Staat, Präfektur und Stadtverwaltung wollen weder die humanitäre Notlage sehen noch neue Aufnahmeeinrichtungen in Betracht ziehen.“ Jüngstes Beispiel für diese Politik ist die Reaktion der Stadtverwaltung von Calais auf die Initiative von „Secours Catholique“, sanitäre Einrichtungen für Migranten aufzubauen.

Um die Hygienebedingungen für Minderjährige zu verbessern, stellte die Organisation auf ihrem Gelände in Calais zwei mobile Einheiten von vier bzw. acht Duschen auf. Als brutale Gegenmaßnahme ließ daraufhin die Stadt Calais demonstrativ einen der Haupteingänge zum Gelände mit einem Abfallcontainer aus Metall blockieren. Gegen diese absurde Maßnahme, stellte der katholische Hilfsdienst einen Eilantrag vor dem Verwaltungsgericht der Stadt Lille. Überdies wirft Didier Degrémont der Stadt vor, mit ihrer harten Haltung ein klares Zeichen setzen zu wollen: „Die Stadt verweigert Menschen in elenden Umständen ein dutzend Duschen“, führt er an. „Sie tut alles dafür, dass überhaupt keine Migranten mehr kommen.“

Dem Antrag von „Secours Catholique“ gegen Natascha Bouchart, die konservative Bürgermeisterin von Calais (Les Républicains), wurde am Montag statt gegeben. Die Richterin bezeichnete die „Strategie“ der Stadtverwaltung als „illegal“ und verlangt die Entfernung des Containers „innerhalb von 24 Stunden“.

Jedoch weist Vincent Berton, der Unter-Präfekt des Departements Pas-de-Calais, darauf hin, dass die Mitarbeiter von „Secours Catholique“ sich „einige hundert Meter vom Hafen entfernt“ befänden. Nach seiner Ansicht würde der Aufbau neuer Einrichtungen für Migranten an diesem Ort „diese in ihren illegalen und riskanten Bemühungen, nach England überzusetzen, noch bestärken.“.

 

Ein Versuch die Situation zu klein zu reden?

Die Präfektur spricht zudem von lediglich fünfzig bis hundert Migranten in der Stadt – es handele es sich vor allem um Erstankömmlinge; Migranten, also, die zuvor in noch keinem staatlichen Aufnahmezentrum waren. Ähnlich äußert sich „France Terre d’Asile“, eine der Hilfsorganisationen, welche die Zentren im Auftrag des Staates verwalten. Verbandsleiter Pierre Henry weist zudem darauf hin, dass nach den Statistiken der Akteure vor Ort, „lediglich 40 % der so genannten Minderjährigen tatsächlich auch minderjährig sind“.

Ein Versuch, also, die Flut an Rückkehrern an die Küste klein zu rechnen? Die Angaben mehrerer Verbandsmitarbeiter vor Ort, welche die Anzahl der minderjährigen Rückkehrer nach Calais höher ansetzen, lassen dies zumindest vermuten. Daran hegt auch der Vorsitzende der Migranten-Herberge keinen Zweifel: Die meisten der nach Calais zurück gekehrten Minderjährigen stammen aus den Aufnahme- und Orientierungszentren.

„Das fällt sofort auf, weil Erstankömmlinge – im Gegensatz zu den Flüchtlingen aus den Zentren – vollkommen mittellos sind und nur wenige Habseligkeiten dabei haben“, erläutert François Guennoc.

Angesichts der sich verschlimmernden Lage geben die Bewohner von Calais und die Verbandsmitarbeiter sich keinen Illusionen hin: „Der politische Druck wird bis zu den Wahlen anhalten. Man wird weiterhin Jagd auf die Flüchtlinge machen, und dann geht es wieder von vorne los.“, stellt Gaël Manzi ernüchtert fest. „Für mich ist das ein großer Rückschritt. Ein neuer Dschungel? Soweit wird es kommen, da bin ich sicher.“

 

Kasten: Wie viele unbegleitete Minderjährige nimmt Großbritannien auf?
Lediglich 485 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge nahm Großbritannien auf, so die jüngsten Statistiken des Innenministeriums. 400 weitere Fälle – so das Ministerium – würden derzeit angefochten. Die Rückkehr der Flüchtlinge nach Calais zeigt, dass die französischen und britischen Behörden ihre Zusagen offenbar nicht eingehalten haben. Bei der Räumung des Camps begleiteten zwei Home-Office-Mitarbeiter jeden Bus in die Aufnahme- und Orientierungszentren, was Anlass zur Hoffnung gab, die Fälle in den Aufnahmezentren würden zügig bearbeitet. Doch dann vollzogen die Briten ab Mitte November eine Kehrtwende, verschärften ihre Auswahlkriterien und verhängten am 9. Dezember für die Minderjährigen des „Dschungels“ schließlich ein Aufnahmestopp, mit dem Hinweis, alle Fälle seien untersucht worden.